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Glücksspielsucht erkennen: die Kriterien verständlich erklärt

Von Theresa AignerZuletzt geprüft:

Ab wann ist Spielen kein Hobby mehr, sondern eine Erkrankung? Fachleute beantworten das mit klar definierten Kriterien. Ich erkläre sie hier in Alltagssprache, mit einem Selbsttest und mit Zahlen aus Österreich.

Diese Seite hat eine Vorgeschichte

Unter dieser Adresse stand früher die Liste der Salzburger Beratungsstelle „Anonyme Spieler“ mit zehn Kriterien nach dem damaligen Handbuch DSM-IV. Die Medizin hat sich seither weiterentwickelt. Ich habe die Seite deshalb auf den heutigen Stand gebracht und zeige weiter unten, was sich geändert hat.

Die neun Kriterien nach DSM-5

Das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5 beschreibt die „Störung durch Glücksspielen“ (Gambling Disorder) mit neun Merkmalen. Eine Diagnose kommt in Frage, wenn mindestens vier davon innerhalb von zwölf Monaten zutreffen und das Verhalten zu deutlichem Leidensdruck oder Beeinträchtigungen führt.

KriteriumWie es sich im Alltag zeigen kann
1. Steigende EinsätzeDie gleiche Summe fühlt sich „langweilig“ an, für die Spannung braucht es mehr Geld.
2. Unruhe beim ReduzierenOhne Spiel wirst du gereizt, nervös oder kannst schlecht schlafen.
3. Erfolglose Versuche aufzuhörenVorsätze wie „nur noch am Wochenende“ halten nicht.
4. Gedankliche VereinnahmungDu denkst an vergangene Spiele, planst das nächste oder überlegst, woher das Geld kommt.
5. Spielen als FluchtwegGespielt wird vor allem, wenn du dich hilflos, schuldig, ängstlich oder niedergeschlagen fühlst.
6. Verlusten hinterherjagenNach einem Verlust kommst du zurück, um ihn „auszugleichen“.
7. LügenDu verschweigst Beträge, Zeiten oder Konten vor Familie, Freunden oder Therapeuten.
8. Gefährdete Beziehungen oder ArbeitPartnerschaft, Job, Ausbildung oder Karrierechancen leiden oder gehen verloren.
9. Geld von anderenAndere sollen eine durch das Spielen entstandene Notlage überbrücken.

Das Handbuch unterscheidet außerdem Schweregrade: leicht bei vier bis fünf, mittel bei sechs bis sieben und schwer bei acht bis neun erfüllten Kriterien. Wichtig für die Diagnose: Das Spielverhalten darf sich nicht besser durch eine manische Episode erklären lassen. Das zu beurteilen, ist Aufgabe von Fachleuten.

Was sich gegenüber der alten Liste geändert hat

Wer die frühere Fassung dieser Seite kennt, wird Unterschiede bemerken. Mit dem DSM-5 (2013) hat sich bei der Glücksspielsucht einiges verschoben:

DSM-IV (alte Liste)DSM-5 (heute)
BezeichnungPathologisches SpielenStörung durch Glücksspielen
EinordnungStörung der ImpulskontrolleAbhängigkeitserkrankungen, gemeinsam mit Substanzsüchten
Kriterien109 (das Merkmal „illegale Handlungen“ wurde gestrichen)
Schwellemindestens 5mindestens 4 innerhalb von 12 Monaten

Die neue Einordnung ist mehr als eine Formalie: Glücksspielsucht wird seither als Verhaltenssucht mit ähnlichen Mechanismen wie bei Alkohol oder Drogen verstanden. Das hat die Behandlung geprägt und auch das Bild in der Öffentlichkeit verändert. Gestrichen wurde das Kriterium „illegale Handlungen“, weil es kaum zusätzliche Fälle erkannt hat. Straftaten zur Geldbeschaffung kommen trotzdem vor und sind in der Beratung ein ernstes Thema.

ICD-11: so heißt die Diagnose in Europa

In Österreich arbeiten Ärztinnen, Ärzte und Kliniken mit der internationalen Klassifikation der WHO. Die ältere ICD-10 führt Glücksspielsucht unter F63.0 „Pathologisches Spielen“. Die seit 01.01.2022 gültige ICD-11 nennt sie 6C50 „Störung durch Glücksspielen“ und unterscheidet erstmals zwischen überwiegend offline (6C50.0) und überwiegend online (6C50.1).

Die ICD-11 beschreibt drei Kernmerkmale:

  • Kontrollverlust über Beginn, Häufigkeit, Dauer, Intensität oder Ende des Spielens.
  • Zunehmender Vorrang des Spielens vor anderen Interessen und täglichen Aufgaben.
  • Weiterspielen trotz negativer Folgen für Familie, Arbeit, Gesundheit oder Finanzen.

In der Regel zeigt sich das Muster über mindestens zwölf Monate. Bei sehr ausgeprägten Fällen kann die Diagnose auch früher gestellt werden. Nicht verwechseln: Die Computerspielstörung (6C51) ist eine eigene Diagnose, auch wenn sich manche Mechanismen ähneln, etwa bei Lootboxen.

Welche Spielformen besonders riskant sind

Nicht jedes Glücksspiel ist gleich gefährlich. Fachleute sprechen von Strukturmerkmalen: Je schneller die Spielabfolge, je kürzer die Pause bis zum nächsten Einsatz und je häufiger „Beinahe-Gewinne“, desto höher das Risiko. Dazu kommen ständige Verfügbarkeit am Handy und bei Sportwetten die Illusion, mit Wissen Kontrolle zu haben.

Das spiegelt sich in den Behandlungsdaten. Ich habe mir die aktuellen Zahlen der Fachstelle für Glücksspielsucht Steiermark angesehen:

Beratene Spielende in der Steiermark 2025 (Mehrfachnennungen möglich)
MerkmalWert
Beratene Spielende342
Glücksspielautomaten als Problemspiel55,8 %
Sportwetten27,4 %
Digitale Spiele6,3 %
Karten (Black Jack, Poker)3,1 %
Männer / Frauen82,2 % / 17,8 %
Durchschnittsalter37,0 Jahre (Frauen 43,7 Jahre)
Schulden aus dem Glücksspiel70,5 %

Quelle: Fachstelle für Glücksspielsucht Steiermark, Behandlungsdaten 2025. Österreichweit zeigen laut Stadt Wien rund 1 % der 14- bis 64-Jährigen ein problematisches oder pathologisches Spiel- und Wettverhalten (Angabe aus 2021).

Selbsttest: Wie nah bin ich an den Kriterien?

Kreuze an, was in den letzten zwölf Monaten auf dich zugetroffen hat. Deine Antworten bleiben in deinem Browser, nichts wird gespeichert oder gesendet.

In den letzten zwölf Monaten …

Ab vier Kreuzen ist die Schwelle des DSM-5 erreicht. Der Test ersetzt keine Diagnose, er hilft dir nur bei der Einordnung. Die kurze Variante mit vier Fragen findest du auf der Startseite.

Wer eine Diagnose stellt

Eine Diagnose stellen Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie, klinische Psychologinnen und Psychologen sowie spezialisierte Ambulanzen. In Österreich gibt es eigene Spielsuchtambulanzen, zum Beispiel an der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg, am Kepler Universitätsklinikum in Linz oder die Spielsuchtambulanz de La Tour in Villach. Viele Beratungsstellen führen ebenfalls Abklärungsgespräche.

Für den Einstieg brauchst du keine Überweisung. Ein Anruf bei einer Beratungsstelle reicht. Eine Übersicht nach Bundesland findest du unter Hilfe finden.

Was oft gemeinsam mit Glücksspielsucht auftritt

Glücksspielsucht kommt selten allein. Häufig bestehen zusätzlich Depressionen, Angststörungen, ein problematischer Alkohol- oder Nikotinkonsum oder ADHS. Das ist wichtig, weil eine gute Behandlung beides im Blick hat. Wer nur das Spielen stoppt, aber die Niedergeschlagenheit dahinter nicht behandelt, hat ein höheres Rückfallrisiko.

Wenn es dir gerade sehr schlecht geht

Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, treten bei hoher Verschuldung leider häufiger auf. Bitte bleib damit nicht allein: Die TelefonSeelsorge ist unter 142 rund um die Uhr erreichbar, bei akuter Gefahr hilft der Notruf 112 oder die Rettung 144.

Quellen

  • American Psychiatric Association: DSM-5, Gambling Disorder (2013)
  • Weltgesundheitsorganisation: ICD-11, 6C50 Störung durch Glücksspielen (gültig seit 01.01.2022)
  • Fachstelle für Glücksspielsucht Steiermark: Behandlungsdaten 2025
  • Stadt Wien, Institut für Suchtprävention: Presseinformation zu genuggespielt.at (2021)